The race is not to the swift,
nor the battle to the strong,
neither yet bread to the wise,
nor yet riches to men of understanding,
nor yet favour to men of skill;
but time and chance happeneth to them all.
Ecclesiastes 9:11
Gibt es eigentlich Manager, die sich nicht vom Glück benachteiligt sehen? Gerade starke Manager fühlen sich wohl häufig von Fortuna persönlich verschaukelt, weil sie wieder mal in der Auswertung lesen mußten, daß sie eine deutliche Überlegenheit nicht in einen Sieg ummünzen konnten. Befürworter und Gegner des Zufallselements vermuteten in Artikeln für das United-Forum sogar, daß das Glückselement in United die schwachen Vereine begünstigt. Was läßt sich dazu sagen?
Angenommen, ein schwacher Verein hat in jedem Spiel eine Chance von 20% auf Sieg, 25% auf Unentschieden und verliert mit einer Wahrscheinlichkeit von 55%. Er wird kein einziges Spiel verdient gewinnen und noch nicht mal ein verdientes Unentschieden schaffen. Wenn dieser Verein nun 14 Punkte in einer Saison einspielt und man dazu die Spielkommentare liest, wird man leicht denken "selbst das hat er nur mit viel Glück geschafft" -- sein Erwartungswert für die Saison liegt aber bei 14,3 Punkten.
Umgekehrt sieht es beim starken Verein aus, der mit 55% gewinnt, mit 25% unentschieden spielt und mit 20% verliert. Betrachtet man jedes Spiel einzeln, hat er in jedem Spiel einen Sieg verdient. Dennoch wird er nicht die 44 "verdienten" Punkte einspielen, sondern im Schnitt nur 29,7 und sich mit 30 Punkten entsprechend als Pechvogel fühlen. Natürlich kann auch ein schwächerer Verein mal verdient gegen einen stärkeren Verein gewinnen oder unverdient verlieren. Häufiger sind aber die oben beschriebenen Fälle, und sie prägen die Wahrnehmung der Manager. Von einer Bevorzugung der schwachen Manager durch das Glückselement kann also keine Rede sein.
Davon unbenommen ist die von Michael Schroepl im Artikel [ARTIKEL EINFÜGEN!] im United-Forum beschriebene Taktik-Würfelei bei guten Hintermannschaften. Die Taktik verliert mit steigender Qualität der Hintermannschaft durchaus an Bedeutung. Davon profitieren aber nicht die von der Substanz her schwachen Mannschaften (Die ohnehin nur selten eine gute Hintermannschaft zur Verfügung haben), sondern die sturen Mannschaften, die beispielsweise mit genau einer Heim- und einer Auswärtstaktik die ganze Saison durchspielen. Das sind nach meiner bisherigen Erfahrung keineswegs nur schwache Mannschaften, mit einer klugen langfristigen Strategie können auch sture Mannschaften erfolgreichen Fußball spielen.
Natürlich kann man einwenden, daß es zur Qualität eines Managers gehört, daß er flexibel auf seine Gegner reagiert, und daß ein sturer Manager bei allgemein schwachen Hintermannschaften seine Mannschaft zügig ruinieren würde. Aber es gibt ja auch in der Bundesliga Mannschaften, die einen klaren Ruf als offensive oder als Kontermannschaft haben und trotzdem nicht ohne weiteres zu schlagen sind, obwohl sich der Gegner perfekt auf sie einstellen kann. Die Realitätsnähe von United ist doch immer wieder erstaunlich.
In der JOBST-LIGA hat GM Martin A. Rotarius die Taktikfrage meiner Meinung nach übrigens sehr elegant gelöst: Aus den Spielkommentaren geht mal mehr, mal weniger deutlich die Taktik der beiden Mannschaften hervor. Einerseits wird dadurch das sture Durchspielen mit einer Taktik ähnlich unattraktiv wie bei The Dirty Dozen, andererseits erfährt dadurch niemand Details meiner Mannschaftsstruktur. Das ist ganz nebenbei auch sehr Fußball-like: Natürlich weiß ein Bundesligatrainier, wie sein aktueller Gegner in den letzten Spielen grundlegend taktisch eingestellt war, die Details der taktischen Anweisungen seines Gegenübers aus den letzten Spielen kennt er aber nicht. Nebenbei erspart dieses Verfahren dem ambitionierten Manager jede Menge Fuzzelarbeit, zum Mitschreiben meiner Gegner wäre ich anderenfalls offen gestanden zu faul -- der zusätzliche Nutzen rechtfertigt den Aufwand vermutlich kaum. Daß mit der Angabe der Taktiken weitaus packendere Spielberichte möglich sind, dafür ist die JOBST-Liga der schönste Beleg.
Grundsätzlich ist für die Frage, ob starke oder schwache Vereine vom Zufallselement profitieren, davon abhängig, wie man ein United ohne Zufall ausformulieren würde. Zwei Varianten mit höchst unterschiedlichen Konsequenzen will ich kurz anreißen.
Variante 1:
Es werden die Wahrscheinlichkeiten für Sieg, Unentschieden und Niederlage berechnet. Das Ereignis mit der größten Wahrscheinlichkeit tritt ein.
Variante 2:
Es werden die Wahrscheinlichkeiten für Sieg, Unentschieden und Niederlage berechnet. Der Verein erhält x = p(Sieg) * 1 + p (Unentschieden) * 0,5 Punkte, ebensoviele WP sowie x * 40 kKj. Es wird bei Punkten und WP mathematisch auf eine Nachkommastelle gerundet, bei Geld auf ganze kKj.
Beide Varianten würden den Zufall in der laufenden Partie eliminieren. Davon nicht betroffen wären natürlich die gelben und roten Karten, die man immer noch auswürfeln müßte. Die erste Variante würde das Spiel völlig verändern und sich tatsächlich auf das Verhältnis von schwachen und starken Vereinen auswirken. Variante zwei würde den Zufall dagegen ohne größere Auswirkungen auf den Spielablauf eliminieren und hätte kaum Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen unterschiedlich starken Vereinen. Eher würden sogar die schwachen Vereine profitieren, weil sie nun seltener von Extremsituationen wie zwei oder fünf Trainings-WP in einer Runde konfrontiert wären. Mit Fußball hätte natürlich keine der beiden Varianten mehr etwas zu tun. Der Zufall gehört nun einmal elementar zum Fußball, und wer will schon ein abstraktes Zahlenspiel ohne Fußballhintergrund spielen?
Fazit: Wem das Gewinnen oder allgemein das "Besser-sein" bei einem Spiel so wichtig ist, daß er unter unverdienten Niederlagen sehr leidet, muß eben auf andere Spiele ausweichen. Fußball ist dann wohl sowieso nicht sein Sport, denn Fußball ohne Zufall wäre wie Radsport ohne Doping -- undenkbar. Zum besonderen Reiz des Fußball gehört eben nicht nur, daß der Rekordpokalsiegerbesieger St. Pauli den Rekordpokalsieger Bayern München in Ausnahmefällen einmal verdient schlagen kann, sondern auch, daß er ihn jederzeit unverdient besiegen kann. Völlig unverdient Meister wird dagegen selten eine Mannschaft. United bildet diese Effekte sehr schön nach: Auch ein schwacher Verein kann mal verdient einen stärkeren schlagen, häufiger wird er einen Sieg gegen stärkere Gegner aber unverdient erspielen. Meister wird er mit einiger Sicherheit aber nicht.
Nachtrag: Inzwischen habe ich die im Internet erreichbaren Artikel des United-Forum komplett und damit auch die beiden Artikel von Mike Merten zu United ohne stochastische Elemente, nämlich Das Experiment - United ohne Würfel und Regeln für 'Das Experiment'.