Ich liebe Regeln...
Wenn man sie kennt, kann man schummeln...
Rerun van Pelt
In manchen Dingen ist United Traditionen verhaftet, die draußen im wirklichen Fußball schon lange überholt sind. So wenig eine moderne Profimannschaft noch mit einem Ausputzer anfangen kann, so sehr ist eine United-Mannschaft auf seine Dienste angewiesen. Auch der Pokal der Pokalsieger wird in der United-Welt nach wie vor fröhlich ausgespielt. Und fast alle Ligasysteme halten nach wie vor an der 2-Punkte-Regel fest, an deren Gebrauch "aufm Platz" sich die jüngeren Spieler kaum noch werden erinnern können.
Das einzige mir bekannte United-Ligasystem mit einer 3-Punkte-Regelung ist der Fußballmanager auf omido. Dort wird sie von einigen Managern kritisch gesehen. Befürchtet wird insbesondere, daß das "Stein-Schere-Papier"-Prinzip, das der Taktikwahl zugrunde liegt, beschädigt oder gar aus den Angeln gehoben wird. Das Stein-Schere-Papier-Prinzip ist, auf United angewendet, das Sturm-Mittelfeld-Mauern-Prinzip. Keine der Taktiken ist gegenüber allen anderen Taktiken überlegen; dafür gibt es für jede beliebige Taktik des Gegners eine passende Antwort. Und so, wie sie die Erweiterung zum Stein-Schere-Brunnen-Papier-Prinzip gibt, gibt es auch ein Sturm-Mittelfeld-Rasenschach-Mauern-Prinzip. Wie wird dieses Prinzip nun durch die 3-Punkte-Regel beeinflußt?
Durch die 3-Punkte-Regel ist ein Sieg in der Punktewertung 50% mehr wert als zwei Unentschieden; Bei der 2-Punkte-Regel sind beide Alternativen gleichwertig. Dadurch bringen Taktiken mit großer Remisbreite auf lange Sicht weniger Punkte ein als bei der 2-Punkte Regel. Gute Manager werden auf eine solche Verschiebung bei der Wahl ihrer Taktiken reagieren und tendenziell seltener defensiv spielen. Wie stark werden diese Verschieungen sein?
Das Stein-Schere-Papier-Prinzip greift nach wie vor: Gegen eine (konkurrenzfähige) Mannschaft, die mauert, ist Mittelfed die beste Wahl; stellt der Gegner die halbe Mannschaft ins Mittelfeld, sieht er gegen eine offensive Aufstellung alt aus; und ein stürmender Gegner läßt sich nach wie vor prima ausmauern. Trotz der hohen Remisbreite wird man so in der Regel mehr Erwartungspunkte holen als mit einem Sturmduell. Und auch bei der 2-Punkte-Regel kann das Sturmduell eine attraktive Alternative zum Ausmauern sein, wenn meine Hintermannschaft deutlich überlegen ist.
Wo bleibt nun die versprochene Verschiebung der Taktiken? Es gibt zwei Gründe für eine offensivere Spielweise: Erstens setzt die Wahl der "richtigen" Taktik voraus, daß ich weiß, wie mein Gegner aufstellt; das ist in der Praxis aber nur selten der Fall. Gegen eine unbekannte Aufstellung bietet die 3-Punkte-Regel einen Anreiz, es häufiger einmal mit einer offensiven Aufstellung zu versuchen, denn ein paar zusätzliche Erwartungspunkte pro Saison werden dabei vermutlich herausspringen. Zweitens leidet die "Brunnen"-Taktik Rasenschach: Sie lebt davon, gegen jede beliebige Aufstellung eine ordentliche Remisbreite zu erzielen, ohne dabei gegen irgendeine spezielle Taktik außergewöhnliche Siegchancen zu bringen. Aus Punktesicht lohnt es sich bei der 3-Punkte-Regel daher, die Rasenschach-Taktik durch eine gemischte Strategie aus Mauern, Mittelfeld und Sturm zu ersetzen.
Sollte man das Ableben des Rasenschachs bedauern, falls es denn dazu kommt? Rasenschach ist eine Allzweckwaffe. Eine starke Mannschaft, die zuhause rasenschacht, kann sicher mit einem überlegenen Spiel gegen eine schwache Mannschaft rechnen. Was will die Auswärtsmannschaft dagegen machen? Weder im Sturm noch im Mittelfeld kann sie genug Torchancen erzielen, um ein überlegenes Spiel zu erreichen. Ein gut austariertes Rasenschach macht die Taktik des Gegners sogar praktisch irrelevant: Egal, ob er stürmt, Mittelfeld spielt oder mauert, die Ergebniswahrscheinlichkeiten werden sich kaum unterscheiden. Das freut vielleicht den Manager des starken Vereins, beschädigt aber einen der elementaren Grundmechanismen von United: Nämlich, daß jeder halbwegs konkurrenzfähige Verein mit der richtigen Taktik einen verdienten Sieg einfahren oder sich auswärts wenigstens ein Unentschieden ermauern kann.
Wenn ein Manager davon ausgehen kann, daß sein Gegner kein Wischiwaschi-Rasenschach, sondern eine klar definierte Taktik spielt, gewinnt die Wahl der richtigen taktischen Antwort enorm an Bedeutung. Wenn er richtig rät und die optimale Gegentaktik findet, wird er mit einem überlegenen Spiel belohnt. Es wirkt paradox: Dadurch, daß eine Standardtaktik wegfällt, wird die Bedeutung der Taktik als solche für den Spielerfolg deutlich aufgewertet. Die Entscheidungsmöglichkeit "Taktik" verliert eine Alternative und gewinnt dadurch an Bedeutung für den Spielerfolg. Das kann man begrüßen oder bedauern; aber überraschend ist es allemal.
Geld, so hört man oft, ist nicht alles. Wie steht es mit Punkten? Sind Punkte wirklich alles? Es gibt für Siege und Unentschieden ja auch TPs, und deren Verteilung ändert sich durch die 3-Punkte-Regel nicht. Die Punkte sind entscheidend für den Erfolg in der laufenden Saison; TPs sind dagegen wichtig für die Substanz der Mannschaft und damit für den Erfolg in zukünftigen Saisons. Ein Unentschieden ist bei der 3-Punkte-Regel aus Punkte-Sicht weniger wert als aus TP-Sicht; das bedeutet aber umgekehrt auch, daß es aus TP-Sicht relativ mehr wert ist als aus Punkte-Sicht. Und dieser Unterschied läßt sich durchaus ausnutzen.
Manager, die ihre Punktezahl in der laufenden Saison maximieren wollen, werden, wie in Abschnitt Schiebung beschrieben, häufiger zu offensiven Taktiken greifen, wenn ein Sieg drei Punkte wert ist. Und damit steigt der Nutzen defensiver Taktiken für Manager, die möglichst viele TP einspielen wollen: Wenn alle Gegner stürmen, kann ein konsequenter Maurer eine reiche TP-Ernte einfahren (1). Die 3-Punkte-Regel schafft damit eine neue Entscheidungsmöglichkeit für Manager: Wer unbedingt Meister werden oder den Klassenerhalt schaffen möchte, wird eher auf offensives Spiel setzen; Wer dagegen Mannschaftssubstanz ansetzen möchte, wird eher auf defensive Taktiken zurückgreifen. Je stärker der Anreiz der 3-Punkte-Regel zu offensiven Taktiken aus Punktesicht ist, desto stärker ist auch ihr Anreiz zu defensiven Taktiken aus TP-Sicht; die beiden Effekte bedingen sich gegenseitig. Und auch das Rasenschach kommt aus TP-Sicht nun ganz nebenbei wieder zu Ehren.
(1) Korrekter wäre "kann ein konsequenter Mauer-Bauer eine reiche TP-Ernte einfahren". Denn bekanntlich sind es die Bauern, nicht die Maurer, die die Ernte einfahren.